Mit Gottes Augen sehen

Mit Gottes Augen sehen

Susanna Rychiger
18 / 10 / 16

Helena*, Mutter von vier Kindern und zwei Grosskindern und seit über 30 Jahren heroinabhängig, lernte ich an unserem Brunch für Randständige kennen. Diese in ‘Lumpen’ gekleidete Frau mit zerrissenen Schuhen, dreckigen Fingern und verklebten langen Haaren sprach mit mir von Beginn weg ganz offen über den Glauben. Sie behauptete, Jesus zu kennen, aber durch ihr Äusseres wollte ich dies nicht so recht glauben. Würde sie Jesus kennen, wäre sie sicher nicht mehr in den Drogen, das war meine Überzeugung.

Von Susanna Rychiger

 

Anbetung ist stärker als Drogen

Einmal fragte mich Helena, ob wir eine Gitarre hätten und ob sie damit spielen dürfte. Ich schaute sie etwas ungläubig an, gab ihr aber die Gitarre. Was ich dann erlebte, ist nur schwer zu beschreiben. Lobpreislieder erfüllten plötzlich den Raum! Helena betete ihren Gott an und dabei veränderte sich ihr Gesichtsausdruck dermassen, dass wir, die wir uns Gläubige nannten, alle in Tränen ausbrachen. Es berührte uns tief, wie während der Anbetung ihr Gesicht in ein Strahlen Gottes verwandelt wurde und uns alle anderen Umstände vergessen liess. Es verschlug mir die Sprache – noch selten hatte ich in einer Anbetungszeit die Nähe Gottes so erlebt wie hier. Dies war ein unglaublicher Moment, wo Himmel und Erde zusammenkamen. Gottes Gegenwart füllte den Raum.

Ich musste Busse tun, denn bei mir war Helena in der Schublade ‘ehemalige Gläubige’ gelandet, weil ich nur ihre irdische Ausstrahlung wahrgenommen hatte. An diesem Morgen hat Gott mir die Augen geöffnet und ich sah nicht nur Helena, sondern auch die anderen Drogenabhängigen plötzlich mit Gottes Augen! Plötzlich sah ich die Schönheit Gottes in diesen Menschen. Ich reduzierte sie nicht mehr auf die Drogen, die ihr Leben bestimmen, sondern sah, was Gott in ihnen sah. Und nicht nur dies, ich entdeckte, wie tief Hannas Liebe zu Jesus war.

 

Gott sieht anders

Diese Begegnung, die mich bis heute so stark prägt, ist für mich eine hervorragende Wahrnehmung, was es heisst, im Himmel zu sein ohne die Erde zu verlassen. In meinen Augen ist Gebet nichts anderes als meine Beziehungspflege mit Jesus. Ich richte meinen Blick in den Himmel, versuche seine Augen zu sehen, seine Schönheit zu erkennen, rede mit ihm. Aber es geht eben vielmehr darum, dass er auch zu mir reden will. Jesus will mir seine Augen geben, sein Herz mitteilen und die Welt mit mir ansehen – so unschön/schön wie sie ist. Er zeigte mir durch seine Augen, was und wer Helena wirklich ist. Wie liebevoll er sie ansah und er sich freute über ihre Anbetung. Jesus sah einfach seine geliebte Tochter. Die Sucht konnte ihr diese Liebe nicht wegnehmen und sie nicht aus dem Schoss des Vaters zerren.

Einige Wochen später stand ich mit Helena vor einem gedeckten Tisch mit dem Abendmahl und wir tranken zusammen Wein und brachen das Brot. In diesem Moment wurde mir so bewusst, wie oft ich in der Vergangenheit meinen Blick im Himmel liess, weil das einfacher ist, als die Not in der Welt mit Gottes liebenden Augen anzusehen und durch seine Liebe aktiv zu werden. Wir finden tausend Ausreden, warum es schwierig ist mit solchen Menschen. Jesus benötigte nie eine Ausrede – er liebte die Menschen in den Himmel – ohne den Blick für ihre Umstände zu verlieren. Die Sucht prägt das menschliche Leben, aber sie prägt nie die Liebe, die Gott zu diesen Menschen hat.

Durch Helena lernte ich, dass Bill Wilson (Metroministries New York) doch recht hatte mit seinem Statement ‘Die Not ist deine Berufung’! So hat Jesus gelebt, wie auch immer die Not ausgesehen hat, und so möchte ich leben!

Danke Helena, dass du mir die Augen geöffnet hast.

*Name geändert