Jesus zwischen Rom und Jerusalem

Jesus zwischen Rom und Jerusalem

Joël Reymond
15 / 01 / 20

Im Eingangsbereich meines Hauses hängt ein Wandteppich, den ich auf dem Markt von Camden in London gekauft hatte, als ich noch verlobt war. Heute, nach zwanzig Jahren, bewegt er mich immer noch: Es ist eine Szene der Himmelfahrt, in der ein schwarzer Jesus sich über die Jünger erhebt, die so schwarz sind wie er selbst. Ich kann das Wunder der Inkarnation sehen: Dass Jesus von Nazareth in jeder Kultur anerkannt werden kann, in meiner schweizerischen Kultur, in der französischen und in jener meiner vielen afrikanischen Freunde. Jesus ist kein europäischer Weisser! Zudem ist die Kirche heute nicht mehr so stark auf Europa ausgerichtet. Ihr Schwerpunkt hat sich in die Länder des Südens verlagert. Der Wandteppich aus Camden ist weit davon entfernt, Jesus zu verraten oder zu verkleinern. Er macht ihn grösser.:

Die Inkarnation geht weiter
Die Inkarnation ist kein einmaliges Phänomen. Maria hat durch den Heiligen Geist das ewige Wort empfangen, aber derselbe Heilige Geist fügt Gott täglich neue Kinder auf der ganzen Welt hinzu. Auf diese Weise bringt er den Bund, die Erlösung und sogar die Transformation in verschiedene und vielfältige Kulturen hinein. Er verdrängt das Böse von innen und lässt das Gute wachsen, alles, was edel und kostbar ist – und wenn die Arbeit erledigt, wird es das Erbe des Messias sein! Die religiösen Juden sagen nichts anderes (Chaim Dynovisz): «Der Messias wird wissen müssen, wie man Couscous macht wie die Sephardim (die Juden des Südens) und er wird philosophieren können wie die Aschkenasim (die Juden des Nordens).» Oder in anderen Worten: Er muss als einer von uns akzeptiert werden.

Messias in der sichtbaren und in der verborgenen Welt
Die Bibel selbst bezeugt die beiden Seiten derselben Person, den Jesus der Geschichte und den Christus des Glaubens: Der Messias ist «der schönste aller Menschensöhne» (Ps 45) und doch – was für ein Paradox! –  «nichts an ihm war anziehend» (Jes 53). Er wurde von einer Jungfrau in Bethlehem geboren und hat doch keinen Anfang («Vor Abraham bin ich»). Er ist ein jüdischer Zimmermann mit starken Armen und schwarzen Haaren, und doch erscheint er Johannes mit «schneeweissen Haaren, Augen wie eine Feuerflamme und einem Gesicht, das wie die Sonne strahlt» (Offb 1,14).

Beides zusammenhalten
Das Problem in der Geschichte der Kirche ist nicht so sehr, dass wir Jesus verwestlicht oder arisiert haben. Einige haben sich Jesus sicherlich zu sehr angeeignet, das ist wahr. Aber grundsätzlich wollte Gott diese Aneignung, als er Abraham versprach, dass «in seiner Nachkommenschaft alle Nationen der Welt gesegnet werden sollten». Das eigentliche Problem entsteht, wenn wir uns nicht mehr auf den historischen Jeschua konzentrieren – denn die Erlösung kommt von den Juden (Joh 4). Die Offenbarung, die mehr als jeder andere Text die himmlische Dimension Jesu darstellt, spricht immer noch von ihm als dem Nachkommen Davids (Offb 22,16). Das eine geht nicht ohne das andere.

Der historische Jesus
Die letzte Generation war von einem ganz neuen Interesse daran geprägt, Jesus in seinem ursprünglichen Kontext zu studieren. Es ist notwendig, sein Leben, sein Werk, seine Botschaft gründlich zu verstehen. Diese Wiederbelebung der jüdischen Identität Jesu ist im Christentum vorhanden (besonders im akademischen und sogar im liberalen Bereich). Sie ist auch im zeitgenössischen Judentum präsent; Es ist nur ein erster Schritt (viele Juden sind immer noch davon überzeugt, dass Jesus ein antisemitischer Christ sei!), aber er geht in die richtige Richtung.

Die Pflanze nicht von der Wurzel trennen
Die Herausforderung besteht darin, beide Ebenen zusammenzuhalten: den göttlichen Christus und den historischen Jesus der Evangelien. Ein «hors-sol»-Jesus, der von seinen Wurzeln abgeschnitten ist, neigt dazu, ein «hors-sol»-Christentum hervorzubringen, das nicht länger von der irdischen Realität bewässert wird. «Christlicher» Glaube wird auf einen moralischen und sozialen Kodex reduziert, eine menschliche Religion unter anderen. Jüdische Wurzeln sind daher unerlässlich, damit unser Glaube lebendig, real und prophetisch bleibt.

Auswirkungen auf das Gebet
Erstens wird Jesus immer grösser sein als wir denken, er ist universell. Verschiedene Beispiele helfen mir dabei, es nicht zu vergessen: Der Wandteppich von Camden mit seinem afrikanischen Jesus erinnert mich daran. Nach Israel zu reisen bringt mich auch näher zu ihm, weil es immer das Land und das Volk der Inkarnation Jesu bleiben wird.

Zweitens bete ich zu einem nahen Jesus, einem wahren Mann, der «Mitleid haben kann mit meinen Schwachheiten», weil er sie in vollem Umfang erlebt hat. Deshalb kann ich ihn mit meinem Waadtländer Akzent «Jéé-zu» nennen. Mein Gebet wird nicht besser beantwortet und es ist auch nicht cooler, wenn ich ihn bei seinem hebräischen Namen «Jeschua» nenne.