Mit der Bibel beten (1): apostolische Gebete

Mit der Bibel beten (1): apostolische Gebete

Dave Brander
26 / 09 / 19

Hast du schon mal die Bibel gebetet? Die Bibel ist voll von Gebeten – doch in unseren Gottesdiensten und Gebetszeiten spielen die meisten von ihnen keine Rolle. Einzig das «Vater Unser» und einige Psalmen werden regelmässig gebetet. Dabei liegt in den biblischen Gebeten ein riesiger Schatz verborgen, der unser Gebetsleben bereichert, wenn wir ihn entdecken. Der Apostel Paulus hat in seinen Briefen die neun sogenannten apostolischen Gebete hinterlassen. Das persönliche Gebetsleben kann enorm profitieren, wenn es von diesen apostolischen Gebeten inspiriert wird.

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Das Wort Gottes beten
Natürlich darf jeder beten, wie er will. Gebet ist ein Beziehungsgespräch mit dem Vater im Himmel. Niemand darf sich dazwischen stellen und kontrollieren, ob «richtig» gebetet wird. Keine religiöse Zwischeninstanz hat das Recht, deine Gebete zu beurteilen oder gar zu verurteilen. Das persönliche Gebet ist ein geschützter Rahmen, in dem ich alles – wirklich alles! – meinem Gott sagen kann.

Und trotzdem können die Gebete der Bibel helfen, unser Gebetsleben zu bereichern und neu an der Bibel auszurichten. Gibt es etwas Kraftvolleres, als das Wort Gottes zu beten? Wer die biblischen Gebete betet, spricht 1:1 den Willen Gottes aus – das ist kraftvoll! Deshalb ermutige ich dich dazu, zusätzlich zu allen persönlichen Anliegen die Bibel zu beten! Integriere die apostolischen Gebete in dein Gebetsleben – sei es, indem du sie wörtlich nachbetest, oder dich von ihren Inhalten inspirieren lässt. Du wirst erleben, dass dein Gebetsleben dadurch bereichert wird und an Tiefe gewinnt.

Es lohnt sich, die Gebete einzeln auf sich wirken zu lassen und sich in die Texte zu vertiefen. Nur so werden sie zu deinen eigenen Worten und Gebeten. Hier gebe ich nur einen Überblick über die apostolischen Gebete, der helfen soll, einen Zugang dazu zu finden. Was zeichnet die apostolischen Gebete aus?

Erster Fokus: Gemeinde
Die apostolischen Gebete sind gemeindeorientiert. Paulus betet nicht gegen den Artemis-Tempel in Ephesus, für die politischen Herrscher in Rom oder gegen die moralische Unreinheit in der Stadt Thessaloniki. Er betet für die Gemeinde. Das heisst nicht, dass man nicht für die politischen Herrscher beten sollte (vgl. 1 Tim 2,1–2). Paulus weiss auch um die Kraft der geistlichen Kampfführung gegen Mächte und Gewalten (vgl. 2 Kor 10,3–6; Eph 6,10–20). Aber wenn er in den Briefen beten, betet er für die Gemeinde. Sie ist der Hauptfokus seiner Gebete.

Dahinter steht die Überzeugung, dass Gott sein Reich durch seine Gemeinde ausbreiten möchte. Wenn die Gemeinde mündig und stark wird, indem sie Gott erkennt, in seiner Liebe lebt und mit Gottes Herrlichkeit rechnet, dann wird das Umfeld verändert. Geistliche Mächte werden aus Regionen abziehen müssen, wenn die Gemeinde Christi in ihren Stand eintritt. Politische Systeme werden umgewälzt, wenn eine starke, betende Gemeinde im Ort etabliert ist.

Die apostolischen Gebete richten unseren Fokus auf die Gemeinde, auf den Leib Christi vor Ort. Er ist das Werkzeug, das Gott sich ausgewählt hat, um sein Reich zu bauen. Deshalb beten wir dafür, dass der Leib Christi aufgebaut und gestärkt wird.

Zweiter Fokus: Herrlichkeit
Ein zweiter Fokus ist die Herrlichkeit: «Er gebe euch nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit …» (Eph 3,16); «gekräftigt mit aller Kraft nach der Macht seiner Herrlichkeit» (Kol 1,11); «… zur Herrlichkeit und zum Lobpreis Gottes.» (Phil 1,11). Paulus betet zum «Vater der Herrlichkeit» (Eph 1,17). Der Fokus in allen apostolischen Gebeten liegt nicht auf den Nöten der Gemeinde, der Sünde der Menschen oder den mühsamen Umständen, sondern auf der Herrlichkeit Gottes. Gebet ist die Konfrontation unserer Unmöglichkeiten mit den Möglichkeiten Gottes! Es reicht nicht, wenn wir Gott unsere Probleme aufzählen und diese Aufzählung mit einem «Amen» abschliessen. Gottes Herrlichkeit muss hereinbrechen. Sie ist der Referenzpunkt, den Paulus nennt, wenn er betet: gib uns nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit! Das ist das Mass, an dem Paulus alles misst. Nicht nach unseren Erwartungen oder nach unserer Frömmigkeit, sondern nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit!

Die apostolischen Gebete können uns helfen, von uns weg zu blicken, hin auf den Vater der Herrlichkeit. Es ist gut, wenn unsere Gebete wieder «geeicht» werden. Es geht nicht um uns, sondern um Gott, sein Reich und seine Herrlichkeit.

Dritter Fokus: Erkenntnis
Paulus betet in vielen seiner Gebete um eine Zunahme der Erkenntnis: «Er gebe euch den Geist der Weisheit und Offenbarung in der Erkenntnis seiner selbst …» (Eph 1,17); «… um die alle Erkenntnis übersteigende Liebe Christi kennenzulernen …» (Eph 3,19); «dass ihr mit der Erkenntnis seines Willens erfüllt … wachsend durch die Erkenntnis Gottes» (Kol 1,9–10). Gott zu kennen ist ein zentrales Gebetsanliegen der apostolischen Gebete. Wenn die Gemeinde wirklich Gott erkennt, fallen viele Probleme weg. Viele Gebetsanliegen müssen gar nicht mehr gebetet werden. Aber auch das Gegenteil ist der Fall: Aus Mangel an Erkenntnis geht das Volk zugrunde (vgl. Hos 4,6).

Wie oft habe ich schon versucht, Gott im Gebet meinen Willen aufzuzwingen! Wie oft habe ich begonnen, zu beten, ohne dass ich wusste, was Gott eigentlich will. Die apostolischen Gebete gehen den gegenteiligen Weg: Sie bekennen, dass wir zuerst Gott und seinen Willen kennen müssen. Kennst du Gott? Kennst du seinen Willen? Wenn nicht, kannst du dafür beten!

Vierter Fokus: Liebe
Die Liebe ist in der gesamten Bibel absolut zentral. Sie ist das erste und höchste Gebot (vgl. Mt 22,37–39). Und doch hören wir in unseren Gemeinden und Gebetszeiten nur selten die Bitte, dass unsere Liebe zunehmen soll. Dabei beginnt alles im Gebet. Deshalb formulieren die apostolischen Gebete immer wieder die Bitte um Zunahme der Liebe: «… damit ihr in der Liebe tiefgewurzelt und festgegründet dastehet» (Eph 1,17); «Euch aber lasse der Herr in der Liebe zueinander und zu allen Menschen wachsen …» (1 Thess 3,12); «Der Herr aber lenke eure Herzen zur Liebe Gottes…» (2 Thess 3,5).

Die Liebe beginnt im Gebet. Nicht darin, dass wir uns um mehr Liebe, Gehorsam oder gute Werke bemühen. Sondern indem wir vor Gott kommen und bekennen, dass wir leer sind. Denn lieben kann nur, wer von Gott Liebe empfangen hat. Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat (vgl. 1 Joh 4,19).

 

Nochmals: Jeder darf beten, wie er will! Auch Klagen, Zweifel und Fragen haben im persönlichen Gebet ihren Platz. Aber die apostolischen Gebete legen einen vierfachen Fokus, der unseren Blick weiten kann: Es geht nicht nur um mich, sondern um die Gemeinde. Es geht nicht um Sorgen und Probleme, sondern um Herrlichkeit. Es geht nicht um Nebensächlichkeiten, sondern um Erkenntnis Gottes. Es geht nicht um Aktivismus, sondern um Zunahme der Liebe.

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