«Gemeinsam zum Wort» für Anfänger

«Gemeinsam zum Wort» für Anfänger

Joël Reymond
17 / 06 / 19

«Gemeinsam zum Wort» ist das Motto des Nationalen Gebetstags von «Gebet für die Schweiz» am 1. August in Brugg AG. Wir machen einen Durchgang durch das Erste Testament, um die Bedeutung und die Perspektive dieses Slogans zu erläutern.

Stellen Sie sich die Szene vor: Eine Menschenmenge, Männer, Frauen und sogar Teenager versammeln sich auf einem grossen Platz vor dem Wassertor. Es ist früher Morgen und es ist heiss in Jerusalem. Es ist Spätsommer und Neumond, der erste Tag des Monats Tischri. Ein Priester namens Esra, der gut sichtbar auf einer Plattform steht, trägt eine Schriftrolle des Gesetzes. Die Gemeinde erhebt sich, als er anfängt, vorzulesen.

Verstehenshilfe
Die Schriftrolle ist auf Hebräisch geschrieben. Diese Sprache ist für die Juden, die zwei Generationen lang in der fremden Kultur Babylons gelebt hatten, beinahe zur Fremdsprache geworden. Die meisten von ihnen haben eine heidnische Mentalität. Glücklicherweise übersetzen die Priester das Gesetz nicht nur, sie erklären auch den Inhalt. Und was für ein Schock: Das Volk weint, weil ihm klar wird, dass es sich vom Willen Gottes und von seinem Segen abgewandt hat. so sehr ist es von seiner Berufung und seiner Identität abgewichen.

Dieser denkwürdige Tag, der im achten Kapitel von Nehemia beschrieben wird, gehört in die Zeit der Rückkehr aus dem babylonischen Exil. Er fand genau am Tag von Rosh Hashana statt, dem biblischen Fest der Trompeten. Alle zusammen, «sogar die Kinder, die fähig waren, es zu verstehen», wie der Text sagt, richteten sich nach dem Wort aus – in diesem Fall nach der Torah, aber es führt auf dasselbe hinaus: Der Ausdruck des Willens Gottes für sein Volk. Und ihre Herzen waren zerrissen. Sie verbrachten den ganzen Tag dort!

Ein Aufruf zum Handeln in zwei Schritten
Von hier aus ziehen wir eine erste Schlussfolgerung: «Gemeinsam zum Wort» könnte vor allem eine intellektuelle Arbeit sein, die einer Elite vorbehalten ist. Aber das ist es nicht. Es handelt sich um eine echte persönliche und gemeinsame Veränderung.
Wir müssen zwei Schritte unterscheiden. Zunächst sind wir nicht zu einer Erneuerung unserer Werke, unseres Zeugnisses oder unserer Gebete aufgerufen, sondern unseres Zuhörens. Wie uns der Arzt eine Diagnose unseres Zustands gibt – so hier das Wort Gottes. Erst danach sollen wir reagieren.

Eine zweite Illustration, um dieses «Treffen mit dem Wort» zu beschreiben, ist das Bild einer Truppe, die vor einem vorgesetzten Offizier erscheint, um ihren Marschbefehl zu erhalten. Es ist nicht die Zeit für die Philosophie (auch wenn es einen Ort dafür gibt), sondern für das Handeln. Es ist ein Handlungsaufruf.

Die gemeinschaftliche Dimension
Die zweite Schlussfolgerung betrifft die gemeinschaftliche Dimension, «gemeinsam…». Wir erinnern uns daran, dass die Juden niemals die Bibel oder die Überlieferung alleine studierten, sondern immer mindestens zu zweit im Dialog. Ohne auf dieses grosse Thema einzugehen, geht es darum, zu verhindern, dass das Wort Gottes, so gross und unergründlich es ist, auf «meine Erfahrung», «mein Verständnis» oder sogar «meine Vorlieben» reduziert werden darf.
Gemeinsam zum Wort: Es ist beunruhigend, zu sehen, wie stark wir Protestanten im «Wort» waren (die Reformatoren und diejenigen, die ihnen folgten, waren starke Bibellehrer), aber wie schwach im «gemeinsam». Nichts ist schwieriger, als die protestantische Familie heutzutage zusammenzubringen, nicht wahr? Wir sind in Tausende von Kirchen zerstreut. Und seit der Reformation benutzten wir das «Wort», um uns gegeneinander zu erheben und einander auszuschliessen. Autsch…

Professor Yohanan Goldmann aus Freiburg sagte deshalb: «Die Einheit der Kirche liegt im Wort». Es bleibt unser gemeinsamer Nenner. Das Problem liegt nicht im Wort, sondern in uns, in dem, was wir damit machen. Wir können auf das griechische Denken hinweisen, das uns lehrte zu glauben, dass wir Gott in Formeln und den Glauben in Gleichungen setzen könnten. Dies ist nicht das biblische Denken.

Das Wort steht über Lehre und Praxis
Unser einziger Weg nach vorne ist es, das Wort über unsere Lehren, Theologien und Selbstverständnisse der kirchlichen Bewegungen zu stellen. Die Lehre (oder Theologie) als eine menschliche und vernünftige Arbeit an einem «Rohstoff», der das Wort ist, ist sicherlich wichtig. Aber diese Arbeit kann niemals behaupten, das Wort zu kontrollieren, weil es uns übersteigt und immer übersteigen wird.
Das Wort steht über unserer Lehre und Praxis: Das ist eine geistliche Ökumene, das heisst eine Art der Annäherung, die die Spiritualität betont, die gemeinsame Erfahrung Gottes. Dies ist die Art der Übereinstimmung, die die meisten Ergebnisse bringt.

Werden wir konkret
Wie kann das in der Praxis gelebt werden? Ich zitiere den bekannten Satz aus der ökumenischen Bewegung: Das Gebet ist das Herzstück der geistlichen Ökumene. Das ermutigt mich. Ich hoffe, dich auch!
Wenn wir das alles für die junge Generation zusammenfassen wollen, können wir sagen: «Gemeinsam zum Wort», das ist keine Sache für Intelligenzbestien. Und Vorsicht: Ihr könntet was erleben!
Wir sehen uns am 1. August in Brugg zu einem bemerkenswerten Treffen. Wir hoffen, dass es mit dem Wort gefüllt ist, wie beim erwähnten Rosh Hashana unter Nehemia – mit der Hilfe Gottes!