Ein Beter verhindert den Krieg

Ein Beter verhindert den Krieg

Serge-André Maire
19 / 12 / 17

Welche Persönlichkeit verkörpert das Gebet für die Schweiz besser als Niklaus von Flüe? Die 600-Jahr-Feier der Geburt dieses Mannes, ohne dessen Fürbitte die Schweiz heute sicherlich anders aussehen würde, lädt uns ein zu «mehr Ranft».

Mit Niklaus von Flüe gewinnt das Jahresthema «Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen» eine neue Tiefe. Der Beginn seiner Lebensgeschichte ist nicht besonders, zumindest nicht in der äusseren Erscheinung. Niklaus wurde 1417 in einem Bauernhof in Flüeli, Kanton Unterwalden geboren. Als Bauer, der mit Intelligenz und moralischer Stärke ausgestattet war, wurde er zum Mitglied des Obwaldner Rates gewählt. Im Jahr 1447 heiratete er die 14 Jahre jüngere Dorothea Wyss, die ihm zehn Kinder schenkte: Fünf Jungen und ebenso viele Mädchen.  Von seiner Kindheit an verbrachte Niklaus von Flüe viele Stunden in der Einsamkeit und im Gebet. Im Laufe der Jahre verspürte er einen grösser werdenden Ruf Gottes, sich zurückzuziehen und das Angesicht des Herrn zu suchen – bis dahin, dass er sich verpflichtet fühlte, seinen Haushalt aufzugeben. Was für ein Opfer für seine Frau, seine Kinder und ihn selbst! An einem Tag im Oktober 1467 verliess er Flüeli als Pilger und ging bis nach Liestal. Überzeugt, dass er umkehren müsse, machte er sich zurück auf den Weg nach Flüeli und liess sich in einer Hütte im «Ranft» nieder, weniger als einen Kilometer vom Haus seiner Familie entfernt. Und Dorothea? Nachdem sie zwanzig Jahre lang mit ihrem Ehemann unter demselben Dach gelebt hatte, kannte sie seine Sehnsucht nach Gott nur zu gut. Und als für Niklaus der entscheidende Moment gekommen war, auf den Ruf Gottes zu antworten, gab sie ihm ihre volle Zustimmung, nachdem sie vorher jahrelang innerlich gekämpft hatte. Was für ein Glaube, sowohl bei ihm als auch bei ihr!

Tanzen und kämpfen
Als Einsiedler lebte Niklaus von Flüe im Ranft bis zu seinem Tod im Jahr 1487. Die letzten zwanzig Jahre seines Lebens waren jedoch nur scheinbar Jahre der Einsamkeit. In seiner völligen Hingabe an Gott lebte er in einer derartigen Intimität, dass er nicht einmal mehr ein Bedürfnis nach Nahrung verspürte. Gesättigt mit der Gegenwart Gottes erlangte er eine Gnade und eine Weisheit, die sich schnell herumsprach. Sowohl Bewohner der Eidgenossenschaft als auch Boten aus anderen Ländern, die Rat benötigten, wurden von Niklaus im Ranft empfangen. Die Antwort, die er einem ratsuchenden jungen Mann aus Burgdorf gab, zeugt von der Qualität seines eigenen Gebetslebens: «Gott weiss es zu machen, dass dem Menschen ein Gebet so schmeckt, als ob er zum Tanz ginge und umgekehrt weiss er ihn ein Gebet so empfinden zu lassen, als ob er im Kampfe streite.» Niklaus von Flüe hat uns ein Gebet von seltener Tiefe hinterlassen, dessen Erfüllung ernste Konsequenzen für denjenigen haben kann, der es sich mit Glauben und aufrichtigem Herzen aneignet:

"MEIN HERR UND MEIN GOTT, NIMM ALLES VON MIR, WAS MICH HINDERT ZU DIR. MEIN HERR UND MEIN GOTT, GIB ALLES MIR, WAS MICH FÖRDERT ZU DIR. MEIN HERR UND MEIN GOTT, NIMM MICH MIR UND GIB MICH GANZ ZU EIGEN DIR."

Die letzten zwanzig Jahre von Niklaus von Flüe waren ganz seinem Herrn gewidmet. Dieses gottzentrierte Leben hinderte ihn jedoch nicht daran, sich mit den Dingen dieser Welt zu befassen. Vielmehr wurde er befähigt, sie mit dem Blick Gottes zu sehen. Seine Unterscheidungsgabe war entscheidend in der Krise, die die junge Eidgenossenschaft ab 1477 durchmachte. Im Jahr 1481, nachdem die Positionen der vier Stadt- und der vier Landkantone in der Frage der Aufteilung der Kriegsbeute der Burgunderkriege einander scheinbar unversöhnlich gegenüberstanden, rief man Niklaus von Flüe hinzu. Geprägt von göttlicher Weisheit mündete sein Vorschlag zur Beilegung des Konflikts im «Stanser Verkommnis» - dadurch wurde ein bevorstehender Bürgerkrieg verhindert.Die Organisation «600 Jahre Niklaus von Flüe» hat dem Jubiläumsjahr das Motto «Mehr Ranft» gegeben. Es lohnt sich die Mühe, diesen Kraftort zu besuchen, der heute noch eine so wohltuende geistliche Atmosphäre ausstrahlt. Dieses «Mehr Ranft» ist gleichzeitig ein Aufruf an die Christen in unserer Zeit: Wagen wir es, dem Ruf Gottes zu folgen und den Willen Gottes zu suchen!